Bernd Dederichs
schrieb am 10. Dezember 2025 um 8.54 Uhr
Wir leben in einer Welt, in der Beerdigungen wichtiger sind als die Verstorbenen, die Ehe wichtiger ist als Liebe, das Aussehen wichtiger als die Seele. Wir leben in einer Verpackungskultur, die Inhalte verachtet. Es ist eine Zeit, in der es wichtiger ist etwas darzustellen als zu sein.
Ich möchte insbesondere darum heute keine übliche Rede halten also keine, die mit anmaßender Eitelkeit posiert oder mich auch nur annähernd zum Mittelpunkt des traurigen Anlasses machen würde.
Unser Umfeld ist mit der erfahrenen Endlichkeit überfordert und zieht sich meist schweigend zurück.
Ich erwarte daher auch nicht das die Anwesenden bei allem Mitleid meine Trauer auch nur annähernd nachempfinden. Niemand, der Trauer nicht selbst durchlebt hat, kann das. Ein schwarzer Schleier, der sich über alles legt. Ein Labyrinth, aus dem ich den Ausgang nicht finde. Trauer ist kein Problem, das gelöst werden kann. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung dominieren.
Es ist für mich unendlich schwer zu akzeptieren, dass es meine liebe Sabine nun nicht mehr gibt und darum hätte ich mich auch am liebsten nur allein von ihr verabschiedet, zumal auch sie nie den großen Auftritt liebte.
Aber was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass das Bild, das ich von mir selbst habe, zum größten Teil ein künstliches Produkt ist und dass die meisten Menschen - ich schließe mich nicht aus - lügen ohne es zu realisieren und Entscheidungen treffen die moralisch zweifelhaft erscheinen und möglicherweise auch sind. Leider ist Moral immer mehr zum Statussymbol und in der öffentlichen Diskussion zu einem Moralspektakel geworden.
Darum und weil ich nicht der Maßstab bin habe ich mich letztlich dann doch für die traditionelle Variante der Verabschiedung entschieden. Danke, dass ihr alle gekommen seid um Sabine und mich auf diesem Weg ein Stück zu begleiten.
Ja, es war uns immer bewusst, das die Zeit nur geliehen war und irgendwann zu Ende geht. Roger Willemsen hat einen solchen Einschnitt mal als Knacks bezeichnet, das ist der Moment, in dem das Leben die Richtung wechselt und nichts mehr ist wie zuvor.
Der Tod ordnet die Welt neu. Scheinbar hat sich nichts verändert, und doch ist alles anders geworden. Leben ist eine lebenslange Übung im Loslassen und im Abschied nehmen.
Sabine wird mich weiter begleiten. Ihre Stimme, ihr Gesicht ihre Fürsorge. Ihr Lächeln, das mich in dunklen Zeiten wärmte. Es war ein absoluter Glücksfall ihr begegnet zu sein und mit ihr eine lange Zeit das Lebens gemeinsam verbracht haben zu dürfen.
Liebe Sabine, von allen Verlusten ist deiner der grausamste.
Man sagt, alles vergeht,
aber diese Leere ohne dich,
die wird niemals verschwinden.
Als deine Stimme aufgehört hat, mich beim Namen zu rufen, habe ich für die Welt aufgehört zu existieren.
In gewisser Weise hast du mich mit dir genommen.
Ich bin immer noch ich, aber nur zur Hälfte, und so lebe ich ohne dich an meiner Seite, in zwei Teile zerbrochen.
Ein Teil, der dir folgt, und ein Teil, der durchhält, weil Du es so gewollt hast. Wo immer sie jetzt ist, ich liebe sie unendlich.
Leben heißt leiden, überleben bedeutet, im Leiden einen Sinn zu finden. Aber den finde ich nicht mehr. Im wirklichen Leben häufen sich die Narben und die Last der Dinge. Es bleibt nichts weiter übrig, als sie zu ertragen. Erinnerungen trösten mich nicht, sie sind letztlich nichts weiter als eine Illusion, Erlebnisse aus der Vergangenheit, ein ungehörter Hilferuf, der Schrei nach Wiederbelebung beziehungsweise Wiederholung.
Dennoch möchte ich nicht unerwähnt lassen dass unsere gemeinsamen Zeiten auf der Insel Amrum besondere Glücksmomente im Leben waren. Dort spürten wir stets besonders ein Teil der Natur, des Ganzen zu sein, eine tiefe Demut
verbunden mit dem Gefühl von grenzenloser Freiheit. Frei von Bedürfnissen, frei von Wünschen, Zwängen, Gedanken. Frei von Emotionen, jedoch ausfüllt mit Zufriedenheit und Ausgeglichenheit.
Eine Freiheit die möglicherweise mit der beim Tod vergleichbar ist. Sabine ist jetzt frei, sie braucht nicht mehr zu kämpfen, meine / unsere Tränen werden sie begleiten.
Ich werde nachher in die Wohnung zurückkehren und sie wird leer sein. Ihre Stimme wird fehlen.
Ich werde nur noch die Erinnerungen haben.
Ich werde die Leere spüren, die so tief ist, dass nichts und niemand sie jemals füllen wird.
Ihre Anwesenheit in meinem Leben war das schönste was mein Herz je gefühlt hat.
Ich bin überzeugt dass unsere Begegnung einfach zu besonders war um Zufall zu sein.
Die Welt ist eine Tragödie für die die Fühlen / aber eine Komödie für die die Denken.
Mein Mut ist müde geworden und die Heiterkeit ist mir verloren gegangen.
Mein Leben wird einsam sein. Es gibt nichts Einsameres, als jemanden zu überleben, den man liebt.
Danke, dass ihr da seid. Danke, dass ihr mit mir durch diese Zeit geht, ohne zu erwarten, dass ich „bald wieder normal“ bin. Ich war es ja eigentlich auch vorher nie.
Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen, davon bin ich überzeugt.